Veganes Leder – Let’s talk vegan leather

Wir wollen über veganes Leder reden!


Ist veganes Leder wirklich eine nachhaltige Alternative?

Vegan. Das klingt irgendwie grün, bewusst, nachhaltig, umweltfreundlich?  Aber was bedeutet „vegan“ eigentlich genau. Verzicht auf tierischen Produkte? Rein pflanzliche Ernährung? Geht es um einen ganzen Lebensstil oder nur um das, was täglich in deinem Magen landet? Ist Veganismus gleichzeitig gut für die Umwelt? Bedeutet es im Umkehrschluss, dass alle veganen Alternativen besser sind, als die tierische Variante? Ein Fragenfluss, der bei uns entstanden ist, als wir uns auf die Suche nach veganen Lederalternativen gemacht haben. Denn der Trend ist da und somit die Nachfrage, keine tierischen Produkte mehr zu benutzen.

Definition: Veganismus

Per Definition beschreibt Veganismus einen ethisch motivierten, völligen Verzicht auf tierische Produkte unter anderem bei der Ernährung. Dies kann sich jedoch auch auf einen gesamten Lebensstil beziehen, also auch Kleidung, und Einrichtung miteinfassen. Mehr als die Bedeutung, dass eine Person, die dem Veganismus angehörig ist, einen Verzicht auf tierische Produkte lebt, bedeutet es also nicht.

Sind vegane Materialien überhaupt eine sinnvolle Alternative?

Veganes Leder ist also per Definition ein Material, das nicht auf tierischen Inhaltsstoffen beruht. Im Hinblick darauf, dass für unser Konsumverhalten direkt keine Tiere sterben mussten, ist das natürlich eine super Sache. Dennoch sagt der Begriff gleichzeitig nichts über die Umweltfreundlichkeit der Alternativprodukte aus. Er vermittelt heutzutage oft den falschen Eindruck von Nachhaltigkeit. Denn es gibt keine Vorgaben, welche Inhaltsstoffe stattdessen verwendet werden dürfen. Also welche Ressourcen stattdessen verbraucht werden und welchen umwelttechnischen Einfluss sie besitzen.

„Plastikleder“, „plastic leather oder auch „pleather“ genannt.

The „Pleather“ Problem 

Veganes Leder ist nicht bedenkenlos besser für die Umwelt als Tierleder. Eine farbige Kunststoffschicht aufgetragen auf ein Kunststoffgewebe. Diesen Plastikgeruch in Kaufhäusern, den PVC (Polyvinylchlorid) mit sich bringt, kennt mittlerweile jeder. Ein veganes Material, und trotzdem fragt man sich, wo der Tragekomfort und die Natürlichkeit geblieben sind. 

Schaut man sich gängiges Kunstleder bzw. synthetisches Leder an, sind wir nicht besonders davon überzeugt, dass es wirklich eine Alternative darstellt. Dennoch zählt es noch immer zu den gängigsten Leder-Alternativen. Synthetisches Leder steht meistens für Kunstleder auf der Basis von Kunststoffen und ist somit zu 100% erdölbasiert.  

In den meisten Fällen  wird es aus Polyvinylchlorid (PVC) oder Polyurethan (PU) hergestellt. Die Komponenten werden mit Hilfe von Chemikalien auf einer textilen Fläche gebunden. Das synthetische Leder muss nicht zwingend zu 100% aus Kunststoffen bestehen, da die textile Trägerfläche sowohl aus Natur- als auch Chemiefasern bestehen kann. Synthetisches Leder zeichnet sich durch vielfältige Optik und leichte Pflege aus, die zu einem sehr günstigen Preis zu erwerben ist.

The Plastic Problem

Man sollte sich jedoch auch bewusst machen, dass sich die weltweite Kunststoffproduktion in jedem Jahrzehnt etwa verdoppelt hat. Vegan, also tierfrei, heißt nicht, dass diese Lederalternative immer ökologisch verantwortungsvoll produziert wurde. Zu einem sehr hohen Energieverbrauch kommt noch das Problem der Entsorgung dazu: Als Kunststoff gehört das Lederimitat auf den Plastikmüll. Kunstleder hat eine viel kürzere Lebensdauer und landet relativ schnell wieder auf Mülldeponien ohne große Hoffnung auf Recycling.

PVC: The Poisen Plastic.
Plastik, das unserem kompletten Planeten und damit jedem auf ihm schadet,
und zwar während seines ganzen Lebenszyklusses.

Greenpeace

Vegan Awareness – Veganes Bewusstsein

Man verbindet mit Veganismus einen bewussteren Lebensstil. Per Definition nicht zwingend nachhaltig, dennoch bringt der Verzicht auf sämtliche tierischen Produkte den Wunsch bzw. die Nachfrage nach mehr Transparenz für Produkte. Dadurch wird das Bewusstsein für Konsum natürlich geschärft und treibt zu nachhaltigeren Kaufentscheidungen an. 

Dies bedeutet nicht, dass Kunstleder eine schlechtere Auswirkung auf unser Leben und unseren Planeten hat als tierisches Leder. Es bedeutet, dass wir die negativen Auswirkungen als Verbraucher*innen kennen und Produkte mit kritischem Blick betrachten sollten, bevor wir Schlagworte unsere Entscheidungen kontrollieren lassen.

Wo fängt also die Zukunft an? Bei einer so hohen Nachfrage nach Lederprodukten, muss es doch nachhaltigere und umweltfreundlichere Alternativen geben, welche keine tierischen Ressourcen  verwenden. Es muss doch auch anders gehen? Schließlich haben wir das Jahr 2021 und dass der Mensch auf dem Mond war, ist schon einige Jahrzehnte her, dann sollten umweltfreundliche Lederalternativen auch möglich sein.

Vom Suchen und Finden veganer Lederalternativen

Beginnt man, sich mit dem Thema nachhaltige und natürliche Ledervarianten auseinanderzusetzen, scheint es doch schon viele verschiedene Lösungen zu geben. Wir stellen euch hier einen kleinen Überblick zusammen.

Liste der bekanntesten Alternativen zu tierischem Leder

Leder aus Abfällen der Lebensmittelindustrie – Fruchtleder

Die wohl bereits bekanntesten Lederalternativen werden aus Frucht- und Pflanzenfasern gewonnen. Mittlerweile gibt es verschiedenste Kunstleder aus Mango-, Apfel-, Gurke-, Bananen- oder Ananasfasern. Die beiden wohl bekanntesten sind Apfel- und Ananaslederimitat.

Ananasleder

Für das Material aus der Ananaspflanze werden die Fasern der Blätter verwendet. Ein Nebenprodukt, der schon existierenden Landwirtschaft sind. Dadurch handelt es sich um eine besonders nachhaltige Lederalternative, welche von der spanischen Designer*in Carmen Hijosa entwickelt wurde.

Apfelleder – Appleskin

Ein weiteres Lederimitat, welches sich den Abfällen aus der Apfelsaftindustrie bedient und auch dadurch ressourcenschonender für die Umwelt ist. Es wird aus den Überresten gemacht, welche nach dem Auspressen des Saftes übrig bleiben. Diese werden getrocknet und zu einem feinen Pulver zermahlen. Dieses wird ähnlich  wie bei synthetischem Kunstleder mit Hilfe von Lösungsmitteln als Gemisch auf eine textile Trägerfläche aufgetragen. Die unveredelte Variante hat eine leicht papierartige Haptik. Nach dem Präge- und Veredelungsverfahren kann das Apfelleder jedoch jede optische Lederart annehmen.

Es gibt schon mehrere Produzenten, die auf Apfelüberreste als weitere Lederalternative setzen, jedoch mit unterschiedlichen Natur- und Chemiefaseranteilen.

Lederalternative aus den Abfällen der Weinindustrie

In Zusammenarbeit mit italienischen Weingütern wurde ein Verfahren entwickelt, die Weinabfälle weiterzuverwerten. Traubenschalen, Stiele und Samen, die sonst nach der Weinherstellung weggeworfen werden. Am Produktionsprozess sind keine giftigen Lösungsmittel, Schwermetalle oder gefährliche Substanzen für Mensch und Umwelt beteiligt. 

Lederalternativen auf Pflanzenbasis

• Kaktusleder – Lederalternative aus dem Nopalkaktus

Einen kleinen Hype umgibt momentan ein mexikanisches Start Up. Sie sind weltweit die ersten Entwickler*innen des sehr nachhaltigen, umweltfreundlichen, und organischen Materials. Gewonnen wird das Material aus dem Nopal-Kaktus, bei uns eher bekannt als Feigenkaktus. Ein großer Vorteil ist, dass sie auf Ihrer Ranch nur die reifen Blätter der Kakteen ernten, ohne die Pflanze selbst zu beschädigen. Somit kann alle 6-8 Monate eine neue Ernte gemacht werden. Die einheimische, regionale Pflanze ist mehrjährig nutzbar, benötigt wenig Pflege und hat einen geringen Wasserverbrauch. Generell fügt sich der Kakteenanbau in das vorhandene Ökosystem ein, was zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beiträgt. 

Leder aus Tabak

Einen nachhaltigen, umweltfreundlichen und sozialen Ansatz verfolgend, hat auch ein Start Up aus Frankfurt am Main sich einer Lederalternative angenommen. Leder aus Tabak – Dabei spricht sich das Start Up für sichere und gute Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft aus und arbeitet nur mit Partner*innen zusammen, welche diese Bedingungen auch unterstützen und umsetzen. Das Endergebnis ist eine nachhaltige Lederalternative auf natürlicher Basis, und kann für Handtaschen, Geldbörsen, Bekleidung, Schuhe etc. verwendet werden kann. 

In ihrem Material finden sich Lösungen für die problematischen Bedingungen der Leder- und Kunstlederindustrie. Ausgehend von einer reichlich vorhandenen pflanzlichen Ressource minimieren sie den CO2-Ausstoß. Das Material ist biologisch abbaubar und hinterlässt daher nur minimale Umweltverschmutzung, was es zu einer echten Alternative zu Leder und aktuellen, synthetischen Ersatzstoffen macht. Zudem finden wir, dass es ziemlich gut riecht. 

Pflanzliches Leder  – Ein neuer Hype?

Unser Fazit – Die Geschichte der vielen kleinen Start Ups

Einmal mit der Materialrecherche begonnen, hat man das Gefühl, es gibt immer mehr neue Lösungsansätze, um eine umweltfreundlichere Alternative zu Leder zu bieten. Leder aus Teakblättern, Pilzen, Leinen, Kaffee, einmal das Fruchtregal durch oder schließlich auch die gezüchtete Labor-Variante. Man sieht also, der Gedanke zum Umschwung ist da, Ideen für eine nachhaltigere Textilindustrie werden umgesetzt. Der Begriff Nachhaltigkeit ist ja auch nicht über Nacht entstanden. Dennoch sind gängige Lösungsansätze kein Alltag. Ideen gibt es viele. Einen kompletten Industriezweig davon zu überzeugen, diese in Anspruch zu nehmen bzw. zu unterstützen, ist schwierig, wenn der gewollte Umsatz auch ohne nachhaltige Verbesserungen funktioniert. 

Einerseits hat sich für uns deutlich gezeigt, dass viele Lederalternativen, die auf natürliche Rohstoffe und faire Arbeitsbedingungen setzen, noch in den Kinderschuhen stecken, und vor allen Dingen noch nicht bereit sind für die Großindustrie. Andererseits finden wir es schwierig, manche Materialien, die im Zusammenhang als Lederalternativen genannt werden, als solche zu  sehen. Sie besitzen oft komplett andere Eigenschaften.

Aussehen, Haptik, Langlebigkeit und Tragekomfort unterscheiden sich deutlich, sodass die vermeintlichen Alternativen eigentlich keine sind. Es ist eine neue Materialinnovation, welche als eigenständiges Material gesehen werden muss. Der*Die Kund*innen, die ein Lederprodukt erwarten würde, wäre vollkommen enttäuscht. Denn das ist nicht, was sie bekommt. Faszinierend ist es trotzdem, sich mit den neuen Materialinnovationen auseinanderzusetzen. Im Endeffekt liegt es dann bei uns Designer*innen, den Kund*innen die neuen Materialen zugänglich zu machen. 

Umschwung und unser Zwiespalt

Ihr seht hoffentlich, dass hier für uns ein kleiner Zwiespalt entsteht, da wir Produkte produzieren wollen, hinter denen wir mit voller Überzeugung stehen können. Wir wollen, dass unsere Produkte moralisch vertretbar sind. Ein Material finden, das lederähnliche Eigenschaften besitzt und trotzdem natürliche Inhaltsstoffe hat, um umwelttechnisch einen möglichst kleinen Fußabdruck zu hinterlassen.

Wir haben bemerkt, dass ein Umschwung vor der Tür steht. Teilweise braucht es für die optimale Lösung jedoch noch ein wenig Zeit. Trotzdem mischen wir ab jetzt auch ein bisschen mehr mit, im veganen Material-Innovations-Topf.

Bleibt gespannt!


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